Beginnen wir einfältig und in alt bekannter Manier, sprich mit ein paar einführenden Worten zum Autor und seinem Leben. Ich hab da mal was für euch gegooglet bzw. das Buch umgedreht und verschiedene Details dem Buchrücken entnommen. PAULO COELHO wurde anscheinend 1947 in Rio de Janeiro geboren. Tja wenn es nach dem Buchrücken geht ist das wohl das wichtigste was in seinem Leben passiert ist, denn anschließend kommt nur eine Aufzählung seiner Werke, Preise und eine Glorifizierung seiner Person. Die folgenden Informationen habe ich von Dieter Wunderlich entnommen, der ausführlicher auf die Hintergründe und das Leben von Paulo eingeht. Er schreibt auf seiner Seite, dass Herr Coelho aus einer gutbürgerlichen Familie stammt und in früher Kindheit auf eine Jesuitenschule gegangen ist. Coelho hat sich wohl schon früh gegen den Willen seines Vaters aufgelehnt was letztlich in einer Rebellion gegen diesen endete. Er weigerte sich den gleichen Lebensweg als Ingenieur, wie sein Vater, einzuschlagen und wollte stattdessen Schriftsteller werden. Als er sich einer Theatergruppe anschloss wurde er von seiner Familie als Verrückt erklärt und mehrfach in eine psychiatrische Anstalt eingwiesen (1965, 1966 und 1967). Diese Erlebnisse verarbeitet er zum Teil in seinem Buch „Veronika beschließt zu sterben“ (S. 24). Coelho schreibt, dass er damals nicht recht verstand wieso seine Eltern so gehandelt hatten und das es ihm wichtig war dieses Thema, auch für sich, zu bearbeiten. Das Erscheinen des Buches, ist seinen Aussagen zu folge, deshalb so spät gewählt, weil er seinen Eltern keine Blöße geben und sie zu Lebzeiten nicht damit verletzten wollte (S.25). Mit dreißig heiratete Coelho seine erste Frau und zog mit ihr nach London und begann dort das schreiben. 1978 arbeitete er kurzzeitig in einer Plattenfirma, was ihn jedoch auf Dauer nicht zufriedenstellte, so dass er sich kurz darauf von seiner Frau trennte und nach Brasilien zurückkehrte. 1979 lernte er seine zweite Frau kennen, eine ehemalige gute Freundin von ihm, bereiste mit ihr die Welt, darunter auch den Jakobsweg (1986) und schrieb über diese Erlebnisse ein Buch („Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela“ (1987; D: 2000). Es folgten weitere Bücher, die sich weltweit gut verkauften („Der Alchemist“, „elf Minuten“). Er bekam für sein Schaffen Auszeichnungen und ist seid 2002 Mitglied der Brasilianischen Akademie der Literatur (die ABL=Academia Brasileira de Letras wurde Ende des 19. Jahrhunderts von 40 Dichtern und Schriftstellern gegründet, mit dem Ziel die brasilianische Sprache und Literatur zu Pflegen. Ich war so frei diese Informationen dem nicht-zitier fähigen Wikipedia zu entnehmen.)
Im zweiten Teil will ich mich kurz mit der Vielfältigkeit der Personen auseinandersetzen und ihren ganz individuellen Schicksalen.
Veronika
„Am 11. November 1997 entschied Veronika, jetzt sei es – endlich- an der Zeit, sich das Leben zu nehmen. Sie machte ihr Zimmer sauber, das sie in einem Kloster gemietet hatte, stellte die Heizung ab, putzte die Zähne und legte sich aufs Bett.“ (S.7)
Damit beginnt Veronicas Geschichte. Sie ist eine junge Frau, 24 Jahre alt, die vom Leben keine großen Erwartungen hat, sie denkt selbst von sich, dass ihr Leben gleichförmig verläuft und dass nach der Zeit der Jugend nichts anderes auf sie wartet als Leid. Dies ist einer Gründe, weshalb sie an diesem Novembertag beschließt zu sterben. Der zweite Grund für ihre Tat ist das Gefühl der Ohnmacht, welches sie empfindet, wenn sie auf die Welt blickt. (S. 13) Sie fühlt sich klein und Machtlos und da sie selbst nichts zu verändern mag, ergibt sie sich der Beklemmung. Aufgrund ihres Selbstmordversuchs wird sie in Villete eingewiesen. Die Ärzte offenbaren ihr, dass sie aufgrund der vielen Tabletten einen irreparablen Schaden am Herzen davon getragen hat. Dies hätte zur Folge, dass sie nur noch wenige Tage zu leben hat. Im Laufe des Buches kommt Veronika mit den verschiedensten Personen und ihren individuellen Geschichten in Kontakt. Ich denke, dass beide Parteien (Veronika und die in den Vordergrund gerückten Patienten in Villete) reziprok auf einander wirken und sich gegenseitig helfen, das Leben wieder zu entdecken. Ihre Haltung gegenüber der Welt und den Menschen wandelt sich während der Zeit in Villete. Sie sagt an einer Stelle im Buch von sich, dass sie auf niemanden wütend war, denn dafür hätte sie aktiv werden müssen und ihre Feinde bekämpfen müssen (S.52), was letztlich unvorhersehbare Konsequenzen hätte hervorrufen können, also gab sie sich einer gewissen Monotonie hin. In Villete ist sie wütend (z.B. als sie einem Mann aus der Bruderschaft eine Ohrfeige gibt S. 49) aber sie ist auch leidenschaftlich und entdeckt das Klavierspielen wieder für sich. Die Zeit die ihr bleibt, wird zum Wettlauf. Sie versucht das Leben nicht lebenswert zu finden, entdeckt aber immer mehr schöne Dinge für die sie gern mehr Zeit hätte, um sie in ihren Facetten wahrnehmen zu können. Veronika und Dr. Igor verbindet ein Geheimnis, welches aber erst am Ende des Buches gelüftet wird.
Zedka
Veronika und Zedka lernen sich in einem Schlafsaal kennen. Zedka erklärt Veronika was ein Verrückter ist:
„Ich weiß nicht, was hier >verrückt< heißt“, flüsterte Veronika. „Aber ich bin es nicht. Ich bin eine gescheiterte Selbstmörderin. Verrückt ist, wer in seiner eigenen Welt lebt. […] Oder besser gesagt, Menschen, die anders sind.“
(S.39) Sie hat damit die Funktion in die Geschichte einzuführen, wichtige Eckdaten zu klären und den Leser auf die Zwiespältigkeit der ganzen Thematik hinzuweisen. Wer sind die Verrückten? Sind es die Menschen in Villete oder sind es die Menschen außerhalb der Mauern? Zedka erzählt Veronika eine Geschichte von dem König der Verrückt wurde, um sein Volk weiter regieren zu können. Ein Zauberer hatte die Brunnen im Königreich verzaubert, so dass alle die daraus tranken verrückt wurden. Nur der Brunnen des Königs war separat, woraufhin er und seine Familie die einzigen im Königreich waren, die nicht verrückt waren. Die Bürger wollten sich von einem König, der nicht so war wie sie, nicht regieren lassen und verlangten seinen Rücktritt. So sprach die Königin, dass sie doch auch aus einem der Brunnen trinken sollten, dann wären sie wie alle anderen. Dies taten sie und die Bürger ließen ihn weiter König sein. (S.41f.) Damit weist Zedka auf die Diskrepanz des Blickwinkels hin. Sie polarisiert die Sichtweise des Lesers und verkehrt die Umstände so, dass nicht wir die „normalen“ sind, sondern das durchaus die Möglichkeit besteht, das wir die „verrückten“ sind. Außerdem offenbart sie Veronika und dem Leser, dass die Masse die sozialen und gesellschaftlichen Spielregeln festlegt und das eine Klassifizierung der Menschen in gesellschaftsfähig und gesellschaftsunfähig durchaus ihre Mängel aufweist. Zedka leidet an einer Depression und wird mit Insulin behandelt, was ein künstliches Koma auslöst. Sie selbst beschreibt diese Behandlungen als außerkörperliche Erfahrungen, die es ihr ermöglichen losgelöst von ihrem Körper die Welt zu sehen - Astralreisen (S.56). Sie ist etwa 35 Jahre und wirkt auf Veronika ansonsten völlig normal (S.45). Der Grund für ihre Depression liegt in einer
„Illusion die sie um einen Mann rankte, den sie vor langer Zeit kennengelernt hatte.“ (S.63).
Die bildete sich eine krankhafte Verbindung mit diesem Mann ein und gab für die Suche nach ihm fast ihr ganzes Geld aus, setzte ihre Ehe aufs Spiel und landete schließlich in Villete.
Mari
Sie ist ein Mitglied der Bruderschaft und war vor ihrer Zeit in Villete eine engagierte Anwältin, bis sie Panikattacken bekam und nicht mehr fähig war zur Arbeit zu gehen. Sie selbst sieht die Welt als einen Ort an dem die Menschen von Regeln beherrscht werden. Das Problem der Welt liegt ihrer Ansicht nach nicht im Chaos oder in fehlender Organisation, sondern an „dem Zuviel an Ordnung“ (S.113).
„ […] es gibt Regeln und Gesetzte, die den Regeln widersprechen und neue Regeln, um Gesetzten zu widersprechen. Das verschreckt die Menschen und sie [tun] keinen Schritt mehr außerhalb der unsichtbaren Regeln“ (S. 113).
Als Anwältin sieht sie sich dem Regelwerk der Gesellschaft öfter konfrontiert, was ein weiterer Auslöser für ihre Störung sein könnte. Sie hat ihr inneres Gleichgewicht verloren und musste in Villete das Leben erst neu erlernen:
„[…]Wenn ich beschließe diesen Ort zu verlassen, werde ich nie wieder Anwältin sein, nie mehr mit diesen Verrückten zusammenarbeiten, die sich für normal und wichtig halten, deren einzige Funktion aber darin besteht, den anderen das Leben schwer zu machen[…].“ (S.117f.).
Villete war ein Ort frei von Regeln, was so zwar nicht ganz stimmt, aber die Überschreitung bestimmter Regeln zog keine Konzequenzen nach sich, denn schließlich war man hier drin ja verrückt . Veronika, die Totgeweihte, hat Unruhe in Villete gebracht. Ihre Situation, dass ihr Leben schon sehr bald zu Ende sein würde, hat die Menschen in Villete ihr eigenes Leben überdenken lassen. Todesfälle in Villete traten plötzlich ein, die Menschen hatten keine Zeit sich Gedanken zu machen, Veronikas Fall jedoch war anders. Alle wussten, dass ihr nur noch ein begrenzter zeitlicher Rahmen blieb und so dachten alle über ihre eigene Zeit nach. So hatte Veronika es ungemerkt geschafft Mari aus ihren Zweifeln zu befreien, sie ermutigt aus der Monotonie auszubrechen und wieder ein Leben zu leben. Mari hat außerdem eine besondere Verbindung mit Eduard und ist so etwas wie eine Ratgeberin für alle in Villete auch für Dr. Igor.
Eduard
Eduard ist der Sohn eines Diplomaten. Sein Vater wurde, als er 15 war, zum Jugoslawischen Botschafter ernannt. Er ging auf eine
„Amerikanische Schule, die auch alle anderen Diplomatenkinder in Brasilia besuchten.“ (S.187)
Eduard hasste das Leben in Brasilia, er kam sich dort verloren und fehl am Platz vor. Es wird im Buch als sensible Person beschrieben, die sich nicht für weltliche Dinge wie Markenschuhe, Designerklamotten oder Autos interessiert. In einem Gespräch mit seiner Mutter, die ihn fragt weshalb er nie Freunde zu Besuch mitbringt, erklärt er nüchtern:
„Ich kenne alle Turnschuhmarken, die Namen aller Mädchen, die man leicht ins Bett kriegt. Weiter haben wir uns nichts zu sagen.“ (S.188)
Dann lernte Eduard Maria kennen. Sie war Brasilianerin und wohlerzogen und weil sie die Befürchtungen der Eltern legte, dass ihr Sohn homosexuell sein könnte, nahmen sie sie mit offenen Armen auf. Maria war Eduards erste Liebe und sie war es auch, die Eduards Leben zum ersten Mal eine andere Richtung wies. Er und Maria fühlten sich der Natur sehr verbunden und verbrachten viel Zeit außerhalb. Als er sich eines Nachmittags mit Maria treffen wollte, hatte er einen schweren Fahrradunfall, der ihn mehrere Wochen an ein Krankenhausbett fesselte. In dieser Zeit bekam er von einem Krankenpfleger ein Buch geschenkt, das seine Welt auf ein Neues grundlegend verändern sollte.
„Das Buch handelte von Visionären die die Welt erschütterten, von Leuten, die eine eigene Vorstellung vom irdischen Paradies besaßen […] Es handelte von Jesus Christus, doch auch von Darwin […], von Freud […], von Kolumbus […].“ (S.194f.)
Dies war der Beginn von Eduards Visionen vom Paradies, die ihn letztlich nach Villete brachten. Als er Veronika kennenlernt ist er 28 Jahre.
Dr. Igor
Dr. Igor ist eine merkwürdige Person. Er ist sympathisch, wirkt aber in seinem Verhalten ebenso „verrückt“ wie seine Patienten. Seiner Meinung nach gibt es ein Gift, welches für die Verrücktheit verantwortlich ist, Vitriol. Sein Ziel ist es, dieses Gift zu bekämpfen und in die Geschichte einzugehen. (S. 82) Eine meiner Lieblingsstellen im Buch ist seine Erläuterung über das Wesen eines Verrückten im Vergleich eines normalen Menschen. Er fragt Veronika was er da um den Hals trägt und sie Antwortet nüchtern, dass es eine Krawatte wäre. Darauf erwidert er, dass dies eine logische und kohärente Antwort sei, eben die Antwort eines normalen Menschen. Er fügt aber im Anschluss an, dass ein Verrückter auf die Frage antworten würde, dass es ein „auf komplizierte Weise geschlungenes Stück Stoff“ ist, welches lediglich „die Bewegungsfreiheit des Kopfes einschränkt“ und das er einem Verrückten auf die Frage, welchen Nutzen eine Krawatte hätte, antworten müsste: keinen. (S. 94f.) Im Verlauf des Buches kristallisiert sich Dr. Igor immer wieder als jemand heraus, der wie der Geschichtenerzähler wirkt, der allwissende, der Puppenspieler. Er zeigt den Menschen durch Gleichnisse die Begrenztheit ihres Denkens auf und zwingt sie über den Tellerrand hinweg zu blicken. Ich glaube, dass Paolo Coehlo sich in viele seiner handelnden Personen eingeschlichen hat und aus ihnen spricht, aber am meisten agiert er aus der Person des Dr. Igors heraus.
Veronikas Eltern
Veronikas Eltern sind sicher liebevolle Eltern, aber in ihrer Sicht auch veraltet. Sie sind aus Gewohnheit und gesellschaftlichen Konventionen zusammengeblieben und haben keine Kosten und Mühen gescheut ihrer Tochter die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. (S.84) Aber sie haben Veronika auch ihre Träume genommen, sie haben ihr das Klavierspielen ausgeredet und ihr somit ein Stück Unabhängigkeit genommen. Sie haben Veronika zwar Chancen eröffnet, aber sie dennoch in den grauen Alltag hineingezogen und sie durch ihre eigene Verbitterung über das Leben ebenfalls mit Vitriol vergiftet. Beim Gespräch zwischen ihr und Dr. Igor (S.84-87) wird deutlich, dass Veronikas Mutter sehr verhaftet in ihrer Rolle als Hausfrau ist, dass es unausgesprochene gesellschaftliche Richtlinien gibt an die es sich strikt zu halten gibt. Ein Ausbruch aus dieser Routine wird nicht geduldet und wahrscheinlich mit sozialem Tod bestraft. Die Sicht der Leute außerhalb ist für sie ein entscheidender Faktor.
„Ich wäre traurig“, antwortete sie vorsichtig und hoffte, die richtige Antwort gegeben zu haben.”Aus diesen Grund werden sie den Grund für Veronikas Selbstmordversuch auch nicht verstehen, es ist außerhalb ihres Erfahrungsbereichs, da beide niemals aus ihrer Alltagswelt ausbrechen werden.
Abschließend möchte ich noch kurz etwas zur Umsetzung in Bild und Ton sagen. Directet wurde das Ganze von Emily Young 2009. In der Rolle der Veronika darf man nach Jahren der Pause endlich mal wieder Sarah Michelle Geller bewundern. An ihrer Seite geben sich Jonathan Tucker (Eduard oder im Film Edward), Erika Christensen (Zedka oder im Film Claire), Melissa Leo (Mari auch im Film als Mari) und David Thewlis (Dr. Igor im Film Dr. Blake) die Ehre. Der Film gibt die grobe Geschichte des Buches wieder, auch wenn er sich weitestgehend nur auf Veronika bezieht. Die Seitenstränge, die im Buch aufgeworfen werden und teilweise Einblick in die Biografien der anderen Charaktere geben, werden im Film komplett ausgespart. Man bekommt lediglich am Rande etwas von der Verbindung zwischen Dr. Blake und Mari mit. Zusätzlich wird ihr Verhältnis im Film romantisiert. Es gibt noch weitere Änderungen, aber die möchte ich nicht alle aufzählen. Jemand der das Buch nicht kennt, stört sich evtl. nicht an den Dingen die geändert wurden und der Film wird so trotzdem zu seiner runden Sache. Ich persönlich fand die Stimmung im Film die ganze Zeit ziemlich träge, schleppend und zu depressiv. Im Buch kommt irgendwann die Wende, wo Veronika begreift, dass sie leben will und beginnt zu kämpfen und ihre Emotionen der Welt zu zeigen. Im Film kommt das meinem Empfinden nach zu kurz und nur ansatzweise rüber. Er ist ganz nett gemacht, aber an das Buch kommt er für meinen Geschmack nicht ran.